Kein Bammel am Klamml


Zur Mittagsstunde des ersten Novembertages, nach einer Fahrt, die wie im Fluge verging, rollt unser Wagen mit knirschenden Reifen auf den Schotterparkplatz der Wochenbrunner Alm.

Es soll für uns von hier aus in felsigere - und vor allem vertikale Gefilde gehen.

Klettertechnisch gut ausgerüstet und mit Peilung auf den Klettersteig Klamml (D), stellt sich mir wieder einmal die Frage, was ich an Kameraequipment mitzunehmen bereit bin, um jene Momente festzuhalten, deretwegen wir angereist sind.

Meine Packentscheidungen pendelten bisher, wie so vieles in meinem Leben, zwischen den Extremen. Entweder hatte ich es völlig übertrieben - viel zu viel Ausrüstung im Gepäck, oder beim nächsten Mal überreagiert und die Kamera gleich ganz in  der Askese des vermeintlich geläuterten  im Auto liegen lassen. 


Übertrieben

... hatte ich es eindeutig im Juli am Roc de Roseland in Frankreich, sowohl mit meiner Vorsicht als auch meiner Beladung. War ich doch recht naiv mit der für ihr Format schon relativ schweren G9 und drei Objektiven (darunter auch 200 mm Altglas, denn man weiß ja nie) im Gepäck aufgebrochen.

 

Aus Angst davor, etwas zu beschädigen, und aus der schlichten Unmöglichkeit heraus, während des Kletterns die Kamera aus dem ohnehin schwer zugänglichen Rolltop-Rucksack zu holen – geschweige denn ein Objektiv zu wechseln – ließ sich das ganze Equipment ungenutzt - aber wenigstens gut gepolstert durch die französischen Alpen tragen.

 

Auf dem Gipfel angekommen machte ich das am besten gelungene Foto noch mit dem iPhone, fotografierte ein paar Locals auf deren Wunsch hin mit deren Smartphone und machte mich schließlich an den Abstieg, wo mir eine Bergziege nur wenige Meter entfernt vor die Nase sprang. Ich hatte gerade noch genug Zeit, schnell das Telefon zu zücken und einen Schnappschuss zu machen, während sie mich genauso verblüfft anschaute, wie ich sie.

 

Wer lag nichtsahnend und gut gebettet in ihrer Tasche? Die Kamera, die ich eigentlich für genau solche Momente dabei hatte.

Blick auf den Lac de Roselend vom Via Ferrata Roc du Vent
Blick auf den Lac de Roselend vom Via Ferrata Roc du Vent
Überraschende Begegnung am Gipfel
Überraschende Begegnung am Gipfel

Überreagiert

Einigermaßen desillusioniert beschloss ich das nächste Mal die Kamera gleich ganz im Auto liegen zu lassen und mich ausschließlich auf das iPhone zu beschränken, das ohnehin aus Sicherheitsgründen immer dabei ist.

 

Dies war nun am Nordfjordet in Norwegen der Fall, wo auch tatsächlich ein paar ganz brauchbare Fotos am Fels entstanden sind, die die Situation und das Panorama recht gut wiedergeben - viel mehr aber leider auch nicht.

 

In meiner Empfindung sind die Fotos immer etwas zu perfekt gerechnet und werden dadurch erst überhaupt nicht richtig spürbar.

Das mag sicher auch daran liegen, dass ich persönlich beim Fotografieren mit dem Smartphone einfach nichts empfinde und es der rein pragmatische und leidenschaftslose Versuch ist, den Moment einzufrieren.

 

Aus mangelnder Inspiration heraus entsteht so häufig erst überhaupt kein Foto. 

Im Via Ferrata Ragnarok bei Loen (im Hintergrund der Lovatnet)
Im Via Ferrata Ragnarok bei Loen (im Hintergrund der Lovatnet)

Überlegt

Aber das kann es doch auch nicht sein, oder?

 

Alles in mir will diese beiden Leidenschaften, das gemeinsame Klettern, Erleben und das Fotografieren, miteinander verbinden irgendwie spürbar festhalten.

 

Dieses Mal ist es somit weder eine Option, die Kamera im Auto, noch sie im Rucksack liegen zu lassen. Ich entschließe, nach einigem Hadern, sie direkt am Körper und immer griffbereit zu tragen, wohl wissend, dass sie durchaus Schläge am Fels wird einstecken müssen und ich sie mit schmutzigen Handschuhen bedienen werde.

 

Allein ihr Gewicht allzeit präsent am Körper zu spüren, ist schon auf eine bisher ungewohnte Art inspirierend.

Hier hängt ein Werkzeug, das benutzt werden will, das zum Handschmeichler wird, sobald es zum Einsatz kommen darf.

 

... und mal ganz ehrlich: Wie geil ist es denn bitte, dass dieses Ding – sofern gewünscht – komplett ohne Touch-Features auskommt und sich  auch mit festen  Lederhandschuhen und blind bedienen lässt? Wie sehr haben wir uns an das langsame Aussterben von Knöpfen und Schalter gewöhnt und es sogar mit einem dankbaren Fortschrittsgeist gefeiert. 

Was ist es doch für ein Krampf, zunächst einen Handschuh auszuziehen zu müssen, um das Smartphone entsperren und bedienen zu können.

Doch spätestens wenn es auf das Display getropft hat und man gleichermaßen  staunend und machtlos dabei zusieht, wie das Ding in seiner dreisten Eigenmächtigkeit Nachrichten verschickt, Überweisungen tätigt und ganz bewusst ignorierte Nummern aus der Anrufliste anwählt, obwohl man doch nur schnell ein Foto schießen wollte, muss man sich doch die Frage stellen, was man sich selbst und diesen armen kleinen haptischen Helferlein angetan hat, als man sich von ihnen trennte.

Ein Fluch, der mir erst dann so richtig bewusst wird, als ich es für eine Ultraweitwinkelaufnahme dann doch einmal zur Hand nehmen möchte.

 

Mit der Entscheidung für die Kamera  entstehen die Fotos spontaner, natürlicher – werden sofort spürbarer und roher. Sie bekommen gleichzeitig Weite,  Tiefe und Intimität.

Felssturz des Herzens - Aufatmen nach herausfordernder Passage
Felssturz des Herzens - Aufatmen nach herausfordernder Passage

Wie oft sagten wir beim Sichten unserer bisherigen Smartphone-Bilder, wie schade es sei, dass die gefühlte Weite und dieses Gefühl, so ausgesetzt zu sein, überhaupt nicht rüberkäme. Ob die Felswand im Hintergrund oder der Boden unter uns nun 20 oder 200 Meter entfernt waren, war meist nicht mehr zu sagen.

 

Der Prozess des Fotografierens wird in dieser Situation intensiver.

Ich nehme beide Hände von der Wand um die Kamera zu bedienen, vertraue mich meiner Rastschlinge an und suche mit Füßen oder Knien nach einem statischen Gleichgewicht, das ich halte, bis ich manuell fokussiert, den richtigen Moment abgewartet, abgedrückt und die Kamera wieder gesichert habe.

Kraftakt im Zick-Zack-Aufstieg (vertikal/horizontal) nach der Seilbrücke des Klammlsteigs
Kraftakt im Zick-Zack-Aufstieg (vertikal/horizontal) nach der Seilbrücke des Klammlsteigs
Am Ausstiegspunkt in den letzten goldenen Strahlen der tief stehenden Abendsonne
Am Ausstiegspunkt in den letzten goldenen Strahlen der tief stehenden Abendsonne

Es mag seltsam klingen, aber so werden Erinnerungen nicht nur festgehalten, sondern auf mehreren Ebenen verankert und miteinander verknüpft.

Ich glaube auch, dass der Moment noch einmal intensiver wahrgenommen wird, durch die zwingend notwendige Gewissenhaftigkeit im Umgang mit der Gefahr und durch den bewussten Aufnahmeprozess.

 

Das führt zu unwillkürlicher Entschleunigung.

Unachtsamkeit wird zum Verletzungsrisiko – oder kostet im Zweifel die Ausrüstung.

Jedes Foto wird zu einer Mikromeditation - und Achtsamkeit zur Pflicht.


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